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Interview mit "China Youth Daily" August 2006

Transkription eines Interviews von China Youth Daily mit Gisela Mahlmann im August 2006.
Das Gespräch wurde telefonisch teils in Chinesisch und teils in Englisch geführt.

1. Wie viele Schüler wurden bis jetzt von Dir gefördert?
680 in drei Armutskreisen in Shandong , Rizhao, Linqu und Yinan, einige unserer ersten geförderten Kinder haben inzwischen einen Fachhochschulabschluss. Im autonomen tibetischen Kreis Zeku in Qinghai haben wir seit 1997 6 Zeltschulen und vier feste gebaute kleine Schulhäuser gestiftet und die Lehrmaterialen für die ca. jeweils 50 Kinder bei der Schuleröffnung gezahlt. Im Sommer 2005 wurde die 4. feste Schule dort eröffnet. Fotos siehe Webseite.

2. Wie viel Geld habt Ihr insgesamt schon an die chinesischen Kinder gespendet?
Bis Ende 2004 (die Abrechnung 2005 ist noch nicht fertig, Schätzungsweise waren es 2005 zusätzlich 195 000 RMB) wurden 1 277 148.- RMB für das Projekt in beiden Provinzen gegeben.

3. Wie viele Schulen wurden schon aufgebaut? In beiden Provinzen?
Im autonomen tibetischen Kreis Zeku in Qinghai haben wir seit 1997 sechs Zeltschulen und vier feste gebaute kleine Schulhäuser gestiftet. In Shandong unterstützen wir einzelne Kinder, deren Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Im August 2006 wurden in Rizhao wieder 43 Kinder neu in die Förderung aufgenommen. Wir zahlen jeweils ca. 70% der Schul- und der Lernmittelkosten. Die meisten Kinder sind Halbwaisen oder haben schwere Krankheitsfälle in der Familie, weshalb die Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können. Von jedem Kind kennen wir Namen und Grund der Bedürftigkeit.

4. Seit wann und warum hast Du damit angefangen?
Bei Dreharbeiten 1996 für das ZDF über Armut in Shandong kam ich nach Yinan, wo ich persönlich über den chinesischen Verein "Xiwang" ein Patenkind hatte. Die Geschichte von Li Dianxin hat mich so erschüttert, dass ich beschloss nicht nur als Berichterstatterin zwischen China und Deutschland zu vermitteln, sondern auch direkt zu helfen. Ebenfalls 1996 habe ich mir in Zeku die erste Zeltschule für tibetische Nomadenkinder angesehen, die damals von der UNESCO gestiftet war. Es gab für Nomaden keine Schulen, die Kinder konnten höchstens auf Internate gehen, was sich aber Nomaden nicht leisten konnten und im krassen Gegensatz zum Nomadenleben stand. Mein Traum war, so viel Geld zu sammeln, dass ich eine Zeltschule schenken könnte. Ich fing gleich an und die ersten Gelder kamen bei einem großen Familienfest bei uns zusammen: ich bat, uns keine Geschenke zu machen, sondern stattdessen mir Geld für eine Zeltschule zu geben.

5. Wann wurde Euer Verein eingerichtet? Wie viele Mitglieder?
November 1996, 14 Gründungsmitglieder. Als "gemeinnützig für die Entwicklungshilfe" vom deutschen Finanzamt anerkannt. Der Verein führt kein Vereinsleben, einziger Zweck ist die Bildungshilfe für China.

6. Wo kommt das meiste Geld für die Kinder her?
Durch private Spenden von Menschen, die ich bei meinen Vorträgen über China informieren kann und durch meine persönlichen Spenden, ich verlange nie Vortragshonorare, sondern statt dessen eine Spende für Hope- Baden-Baden

7. Wie viel Geld braucht ein Kind in China pro Jahr?
Unterschiedlich von Dorf zu Dorf. Beispiel: 2003: Shanqian Grundschule Kreis Rizhao: pro Schuljahr 140 RMB Schulgeld und 260 RMB Büchergeld. Wir übernahmen pro gefördertem Kind 280 RMB pro Jahr. Bewusst wird nicht 100% übernommen, damit die Familie sich auch noch anstrengt und Bildung Wert für sie hat. Für Mittelschüler braucht man etwa 800 RMB pro Jahr. Und wenn die Kinder in Internaten wohnen müssen - gewöhnlich in schlichten Schlafsälen mit 20 Schülern und einer Wasserstelle auf dem Hof - weil es in ihrem Dorf keine Mittelschule gibt, dann sind Kosten von 3500 - 5000 RMB pro Jahr fällig.

8. Wie kontaktierst du die chinesischen Kinder?
Über die Vertrauenslehrer oder Sozialarbeiter an jeder Schule und in Shandong über unseren chinesischen Freund Li Shushan, der für uns viel Kontakt- und Recherchearbeit macht und seine Frau, die beide aus Shandong stammen. Er kam aus einer armen Familie, seine Schwester durfte nicht zur Schule, weil kein Geld da war. Er arbeitet heute an einer Hochschule in Shanghai und macht die Arbeit für uns natürlich kostenlos.

9. Wie könnt ihr feststellen, wo das Geld benutzt wird?
Besuche, Kontrollen, Berichte der Lehrer. Das Geld wird immer vor allen Eltern und Lehrern an dien Schule übergeben. So weiß jeder welche Kinder jetzt unterstützt werden. Eine breite Öffentlichkeit ist der beste Schutz vor Korruption. (meine Reisen nach China werden selbstverständlich von mir privat finanziert, die Spenden werden zu 100% ohne jeden Verwaltungsaufwand direkt in China eingesetzt)

10. Gibt es Kinder, die schon eine Hochschule besuchen haben? Und wie viele?
In Shandong und in Qinghai je 10 haben eine Fachhochschulbildung mit unserer Hilfe abgeschlossen. Die nächsten Studenten sind bereits eingeschrieben und im 2. Studienjahr. Für diese Kinder finanzierten wir zwei Jahre den Internatsaufenthalt schon für die Obere Mittelschule auf der man die Hochschulreife erlangen kann in der Stadt und die Gebühren und dann drei Jahre lang das Studentenwohnheim und die Gebühren. (ca. 500 Euro pro Schul- und Studienjahr.) Die ersten zehn Absolventen aus tibetischen Nomadenfamilien sind im Sommer 2005 nach ihrem Studium in ihren Heimatkreis zurückgekehrt und arbeiten dort jetzt als Bankkauffrau und Tierarzt, als Krankenschwester und Computerspezialistin und Lehrerin. Wir sind glücklich, dass mit der Rückkehr der gut ausgebildeten jungen Menschen unsere Bildungshilfe zu einer nachhaltigen Hilfe für die Armutsgebiete geworden ist. Leider können wir nicht für alle Kinder, die bisher die obere Mittelschule erfolgreich abgeschlossen haben, eine Fachausbildung finanzieren. Die meisten unserer geförderten Kinder machen den Abschluss der Unteren Mittelschule ( das entspricht je nach Qualität der Schule einem Hauptschul- oder Realschulabschluss) und gehen dann in Anlernberufe.

11. Wer hilft noch mit?
Ilse Streller, Leiterin einer Grundschule in Baden-Baden, verwaltet unsere Finanzen, stellt die Spendenbescheinigungen aus und führt die Listen der Patenkinder. Shushan Li ist unser Kontaktmann für die Provinz Shandong. Er stammt selbst aus einer armen Bauernfamilie, er durfte lernen, seine Schwester blieb Analphabetin. Er hat später in Deutschland studiert, arbeitet jetzt an einer Hochschule in Shanghai. Er hilft uns beim Helfen, hält die Kontakte zu Lehrern und Familien. In jedem Armutskreis haben wir einen Vertrauenslehrer, der uns über nötige Hilfe informiert, alle zwei bis drei Jahre die Hilfsbedürftigkeit der Kinder überprüft und uns über ihre Lernerfolge informiert.

12. Ein paar Daten bitte zu Deiner Person:
Als Journalistin beschäftige ich mich seit mehr als 30 Jahren mit China. Ich habe das China Maos noch erlebt und darüber für Funk und Fernsehen berichtet, bin Zeugin des Wandels von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, und habe den politischen und ideologischen Gärungsprozess der letzten Jahre aus nächster Nähe miterlebt.Von 1988 bis Anfang 1994 lebte ich mit meinem Mann und unseren drei Söhnen in Peking, berichtete als Chinakorrespondentin des ZDF aus der Hauptstadt und aus vielen der 30 Provinzen des Landes. Neben der aktuellen Berichterstattung z.B. über die Studentenproteste und ihr dramatisches Ende mit Waffengewalt 1989, reiste ich immer wieder in entlegene Provinzen und porträtierte die Minderheitenvölker, zeigte die Auswirkungen der politischen Entscheidungen in Peking in den Provinzen auf. Auch seit meiner Rückkehr nach Deutschland 1994 bin ich jedes Jahr für Reportagen in China unterwegs und zur Kontrolle unserer Schulprojekte.